ODYSSEE AM KANZLERAMT

Die Skulptur "Odyssee" befindet sich auf dem Gelände des Haus der Kulturen der Welt, das zwischen der schwangeren Auster und dem Kanzleramt liegt.

Vier Monate lang fertigten knapp 100 geflüchtete Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Welt eiserne Nägel in einer Jahrhunderte alten Schmiede. Der Nagel ist das älteste Verbindungselement der Eisenzeit, Grundlage des menschlichen Fortschritts und ein essentieller Bestandteil des Gesamtwerks des Stahlbildhauers Georg Friedrich Wolf. Die tausenden Nägel, in den gemeinsamen Monaten geschmiedet, sind Kernelement der Skulptur „Odyssee“, die der Künstler mit den Geflüchteten im September 2016 in einem gemeinsamen Kraftakt über sechs Tage hinweg errichtete. Der aus der griechischen Antike stammende Begriff „Odyssee“ ist entlehnt aus Homers gleichnamiger Dichtung, als Synonym für eine nicht enden wollende Irrfahrt. „Wir wollen einen Anfang machen”, stellt Wolf klar, für den die Kunst eine Form der Kommunikation über Sprachen und Kulturen hinweg ist. „Ich möchte dieser Tragödie die Kunst entgegenstellen“. 6 Tonnen ist es schwer – dieses massive Floß, das den Wellen trotzt und die Schönheit und Kraft menschlicher Brüderlichkeit trägt. So hat es sich der Künstler schon vorgestellt, als er Anfang des Jahres 2016 die aufreibende Planung in Absprache mit Behörden und öffentlichen Stellen begann. Die Form der Skulptur hat sich stetig entwickelt – von der klassischen Plattform hin zum aufgetürmten Wrack, das gestrandet ist und eine Weiterfahrt unmöglich macht. Die Vision blieb immer die Gleiche. „Odyssee“ strahlt die Energie aus, die die Arbeiter durch die harten Monate brachte und trägt gleichzeitig die Schwere der Verzweiflung, der Ängste und Sorgen, die das Leben der Beteiligten prägen und die für einen kurzen Moment aus den Angeln gehoben wurde, um den Blick auf die Hoffnung frei zu geben. All dies steckt im Stahl der Nägel, der seit Jahrtausenden wiederverwertet wird, und im alten Holz der Balken, die eine neue Bedeutung gefunden haben. Sie werden in den nächsten Jahrzehnten verrotten. Das Gerüst aus Eisenstreifen wird zurückbleiben und die Nägel werden zum Vorschein kommen, jeder Einzelne. Gemeinsam halten sie die Skulptur zusammen. Ob das Konstrukt dann jedoch den Kräften standhält, die auf sie wirken, wird nur die Zeit zeigen.